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Bücher & Medien im ImPrint Verlag

Cover ISBN 3-945597-04-8

Hendrik Davids:

Jenseits vom Flammenkreuz
Roman

180 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-945597-04-0
14.00 EURO

Leseprobe

Gegen Ende der zweiten Bauchtanznummer, zwischen zwei Löffeln der süßen Nachspeise, passierte es. Ein unscheinbares Ding durchschlug von draußen die Fensterscheibe, die klirrend zerbrach. Die Detonation des Brandsatzes war immerhin so stark, dass Gläser zersprangen. Eine widerliche Flüssigkeit spritzte brennend über den Holzfußboden und verwandelte das Lokal in ein Flammeninferno. In Windeseile verbreitete sich das Feuer von Tisch zu Tisch, loderte gierig an der ersten Gardine empor. Beißender Rauch verbreitete sich. In panikartiger Flucht drängten die Anwesenden ins Freie. Draußen fand sich Olenka neben Nadira wieder, der Frau des türkischen Wirts. Die Augen der Frau waren entsetzensgeweitet. „Unsere Tochter!“, schrie sie. „Unser Kind ist noch oben!“ Ismail, der Wirt, stürmte bereits in das Treppenhaus, das von beißendem Qualm erfüllt war. Sehr lange würde die Erdgeschossdecke des alten Gebäudes den Flammen nicht standhalten. Endlos erscheinende Sekunden vergingen. „Oh Allah!“, stöhnte die Frau verzweifelt.
Olenka wandte sich ihrem jungen Begleiter zu und ergriff seinen Arm. „Noch einmal tief Luft holen“, sagte sie. Seite an Seite stürmten sie das verqualmte Treppenhaus hinauf und wären auf der Treppe fast über den Körper eines Menschen gestolpert, der dort lag. Ihre Augen tränten. Es stellte sich heraus, dass Ismail, der Wirt, sich bei einem Sturz in dem von undurchdringlichem Rauch erfüllten Treppenhaus den Fuß gebrochen hatte. Olenka machte ihrem jungen Begleiter klar, dass es seine Aufgabe war, den Mann ins Freie zu schleifen, und hastete weiter. Nadira, die Frau des Türken, des ehemaligen Nachbarjungen, hatte gesagt, dass es das Zimmer im ersten Stock links neben dem Treppenhausfenster sei. Dicke, beißende Rauchschwaden drangen aus den Ritzen der Erdgeschossdecke, es war vermutlich nur noch eine Frage von Sekunden, bis die Flammen durchschlugen, um sich weiterzufressen bis zum Dach, bis das ganze Haus wie ein riesiger Schornstein war. Vielleicht wird Harry Schlesinger sich nun doch nach einer anderen Hauptdarstellerin umsehen müssen, dachte sie schicksalsergeben, als sie die Scheibe der Wohnungstür einschlug, um an die Klinke zu kommen, und sich in das Zimmer vortastete. Sie fühlte, dass sie schon zu viel Rauch eingeatmet hatte und gegen eine Ohnmacht, die sie zu überwältigen drohte, ankämpfen musste. Aber dann war endlich das Kind vor ihr, vor ihren Augen, die durch die Rauchschwaden von Tränen erfüllt waren und höllisch brannten, durch beißenden Qualm hindurch sah sie das Mädchen vor dem Gitterbett liegen, in tiefe Bewusstlosigkeit gefallen, und da wusste sie, dass sie es schaffen musste, als sie das kleine Bündel aufgehoben hatte und es in ihren Armen war. Hinter ihr schlugen Flammen durch die Erdgeschossdecke, als sie wieder den Steinfußboden des Treppenhauses unter ihren Füßen fühlte. Fast wäre sie auf der steilen, alten Treppe gestolpert und hinuntergestürzt. Sie zitterte, als sie sich wieder gefangen hatte, eine Hand um das schmiedeeiserne Geländer gekrampft. Ein unerträglicher Hustenreiz und Brechreiz würgte in ihr. Weit weg jenseits des unteren Endes der Treppe war der erlösende Lichtschimmer, der durch die Rauchschwaden drang. Der Lichtschein kam näher, aber Olenka fühlte mit Schrecken, dass ihre Kräfte nachließen und der Würgereiz in ihrer Brust immer stärker wurde. Sie konzentrierte ihre Hoffnung darauf, dass ihr Lebenswille ausreichen musste, die Wegstrecke, die noch vor ihr lag, zu bewältigen, bevor Schwäche und Ohnmacht ihren Körper zusammenbrechen ließen. Und da bemerkte sie auf einmal, dass am unteren Ende des Treppenhauses die Rauchschwaden dünner wurden und ein Hauch von frischer Luft hereinwehte. Jetzt wird Harry Schlesinger sich doch nicht nach einer neuen Hauptdarstellerin umsehen müssen, dachte sie. Es war eine gespenstische Szene, als sie ins Freie trat. Die Anwesenden, unter die sich bereits einige Schaulustige gemischt hatten, starrten ihr wie gebannt entgegen. Mit ihren angesengten Kleidern und den wieder wirr durcheinandergeratenen Haaren, im fahlen Schein der Gaslaternen, wirkte sie sicher ein bisschen wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Dann brach auf einmal Applaus los, stürmischer, begeisterter Beifall, der Olenka ebenso unheimlich war wie das gebannte Schweigen vorher. Und als sie der Mutter des Kindes ihre kleine Tochter zurückgab, da war auf einmal wieder diese Stimme in ihr, die sie auf der Galgenheide gehört hatte und deren Nachhall sie seitdem nicht verlassen hatte: „Es ist eine traurige Musik, ein leiser, verzweifelter, fast hoffnungsloser Ruf nach Erbarmen für Engele und das Kind, das sie erwartet.“ Morgen sollte weitergedreht werden, auf dem Drehplan stand die Szene, in der sie der Faszination des im Prophetengewande auftretenden Scharlatans Jan van Leyden erlag. Mit der Szene begann die Verstrickung der Engele Kerckering in das Reich des Bösen.

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