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Bücher & Medien im ImPrint Verlag

Cover ISBN 3-945597-02-1

Stefan Brendle:

Das Tal der Schuld
Kanaren-Krimi 3/3

132 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-945597-02-6
12.80 EURO

Leseprobe

Vom deutschen Prominenten in der Nachbarschaft der deutschen Finca hatte Susana zuvor schon gehört. Und nachdem ihnen die fünf Gestiefelten zuletzt noch kurz erklärt hatten, wo genau sich sein Haus befand, machten sich Susana und Burdanowski auf den Weg, auch Jobst Grothe einen Besuch abzustatten.
Den geschotterten Platz verlassend, marschierten sie an der deutschen Finca vorbei rechts die Straße entlang, passierten weitere Fincas und zwei nach links abzweigende Fahrwege und dann – die Straße bog rechts weg und führte zwischen Fincamauern runter in Richtung Strand – folgten sie einem Fahrweg erst geradeaus durch ein offenes Tor und dann am Fuß des Steilhangs zum gewaltigen Felsmassiv, das sich jetzt vor bis ins Meer erstreckte, nach rechts bis zu einem ockerfarbenen, ziegelgedeckten, einstöckigen Haus oberhalb und fast am Ende des Weges.
An den Steinpfosten der offenen Gartentür neben der in den Hang gebauten Garage befand sich keine Klingel. Und gerade überlegten sie, ob sie erst rufen oder gleich den Stufenweg hoch zu dem von hohen Büschen, Bäumen und Palmen umstandenen Haus steigen sollten, da kam er von links angejoggt – Jobst Grothe, der auch im Sportdress aussah, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt: hochgewachsen, kantiges Gesicht, stoppeliges Blondhaar, um die vierzig und kein Gramm Fett zuviel.
Grothe lief langsam aus und blieb – ohne Susana und Burdanowski groß zu beachten – vor der Gartentür stehen.
»Entschuldigen Sie«, sagte Burdanowski.
Grothe wandte sich dem Sprecher zu und Burdanowski wies auf Susana.
»Meine Begleiterin ist auf der Suche nach ihrer in den 70er Jahren aus dem Exil in Mexiko nach Spanien zurückgekehrten und hier in der Gegend verschwundenen Verwandtschaft; und da wir erfahren haben, dass Sie, ein prominenter und liberaler Deutscher, einen Ihrer Wohnsitze hier in Nachbarschaft der, sagen wir, Nazi-Finca haben, zudem Geschäfte mit Javier Cepeda Aranda und deutschen Rechtsradikalen machen, haben wir uns gedacht, vielleicht können Sie uns ein wenig weiterhelfen.«
Mit den T-Shirt-Ärmeln wischte sich Grothe den Schweiß von der Stirn und dann, nachdem er kurz Burdanowski und etwas länger Susana betrachtet hatte, sagte er: »Worum es Ihrer überaus attraktiven Begleiterin geht, habe ich schon gehört. Aber was Fragen zu den von ihr gesuchten Gräbern betrifft, da sind Sie bei mir leider an der falschen Adresse.«
Grothe schaute auf seine Armbanduhr.
»Normalerweise jogge ich frühmorgens vor dem Frühstück, aber heute konnte ich – geschäftlich bedingt – erst jetzt dafür Zeit finden.«
Erneut schaute Grothe auf seine Uhr.
»Auch habe ich in Kürze einen weiteren wichtigen Termin und muss mich noch duschen und umziehen.«
Grothe wies hoch in den terrassierten Garten.
»Aber schön – nach dem Joggen mache ich wie immer auch heute ein wenig Gymnastik und dabei können wir uns, wenn Sie unbedingt wollen, noch ein wenig unterhalten.«
Durch die offene Gartentür ging Grothe seinen Besuchern voraus.
»Zunächst, was etwaige Bedenken bezüglich meiner Geschäfte mit rechten Kameraden wie denen hier auf der Finca und politisch rechtsorientierten Partnern wie Javier Cepeda Aranda betrifft – sie sind durchaus verständlich, aber im Grunde unnötig und nicht zu unser aller Vorteil und dem allgemeinen Wohl.«
Grothe, der immer zwei Stufen auf einmal genommen hatte, trat vom Weg links auf eine mit Rasen bepflanzte Terrasse und dann wandte er sich zu Susana, die wie Burdanowski auf dem Weg stehen geblieben war.
»Es gibt keine Alternative zu dem, was vor allem Linke wie Sie – Sie sind doch eine Linke? – Kapitalismus nennen. Jeder ›Antikapitalismus‹ läuft auf – nun gut – Kapitalismus raus.«
Grothe, jetzt schulterbreit stehend, kippte, drehte und kreiste den Kopf.
»Wenn Sie nicht auf Ihren finanziellen Vorteil bedacht sind, sind Sie entweder ein hoffnungsloser Idealist – eine hoffnungslose Idealistin – oder einfach nur dumm.«
Grothe schwang seine Arme – abwechselnd angewinkelt und gestreckt.
»Manche müssen sich, um gewinnorientiert agieren zu können, antikapitalistischen Dunst vormachen. Ich gehöre nicht zu denen.«
»Aha«, sagte Burdanowski, »aber da Sie es wissen, können Sie es nutzen – zu Ihrem Vorteil und damit zum allgemeinen Wohl.«
Grothe schwang weiter seine Arme.
»Ob linke Genossen oder rechte Kameraden: Arbeit ging allen schon immer über alles. Und Arbeit, durch die kein Geld verdient wird, ist nun mal keine Arbeit.«
Grothe, fertig mit Armschwingen, verbreiterte seinen Stand zur Seitgrätsche.
»Trotz allem Unsinn mit einer teilweisen Ersetzung des Geldes durch Gutscheine – sogar die Anarchisten hier in Spanien zu Beginn des letzten Bürgerkrieges, es gab hierzulande ja schon mehrere, rechneten es sich hoch an, gut gewirtschaftet und die Produktivität in verschiedenen Sektoren gesteigert zu haben; sogar diesen Anarchisten war klar, dass sie, auch wenn sie innerhalb ihrer Kollektive, ihrer Syndikate auf Geld verzichten, es wie auch immer ersetzen, nach außen hin Geld verdienen müssen. Ja, denn macht ein Unternehmer, ob nun als privater, als staatlicher oder als sozusagen ›kollektiv-privater‹, nach außen hin kein Geld, keinen Gewinn, dann nützen ihm und seinen Mitarbeitern auch nach innen die Gutscheine – oder was auch immer – nichts mehr.«
Grothe machte Rumpfdrehbeugen – rechte Hand zum linken Fuß und umgekehrt.

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