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Bücher & Medien im ImPrint Verlag

Cover ISBN 3-945597-01-3

Albrecht Göstemeyer:

Der Alltag ist makaber
Kurzgeschichten

218 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-945597-01-9
14.80 EURO

Leseprobe

WILDGÄNSE

Die Schranke öffnete sich, geräuschlos und langsam.
Dr. Michael Renard steuerte seinen silberfarbenen BMW auf eine etwas abseits gelegene Parkbucht zu. Sie umfasste sieben Plätze und machte möglichen Verirrten oder gewohnheitsmäßig Dreisten durch ein silberfarbenes Schild unmissverständlich klar, welchem Personenkreis sie zuzuordnen war: Chefärzte.
Er kam heute spät. Normalerweise hätte er seine frühmorgendliche Joggingrunde bereits abgeleistet und wäre in seiner Joggingkluft erschienen, um sie sich in seinem Büro abzustreifen und daraufhin seinen Körper im Bad ausgiebig den Strahlen der Dusche auszusetzen. Das eigene kleine Badezimmer war ein Privileg der Chefärzte, mühsam der Verwaltung des Sophienkrankenhauses abgerungen.
Doch der gestrige Abend hatte sich etwas in die Länge gezogen.
Er gehörte der monatlichen Veranstaltung des Rotary Clubs und Renard war turnusmäßig an der Reihe gewesen, einen kurzen Vortrag zu halten, in dem er Probleme seines Faches auf gehobene populäre und – möglichst – intelligente Weise seinen anderen Rotarybrüdern, Juristen, Architekten, Geschäftsleuten, Bankern und weiteren angesehenen Mitgliedern der großbürgerlichen Schicht seines finalen Wohnsitzes nahebringen sollte.
Na ja, dachte er wieder einmal, die erste Sahne ist der Ort nicht, hättest dir etwas Schickeres denken können, vielleicht Bad Tölz, irgendetwas anderes im Alpenvorland oder am Bodensee. Doch es hatte ihn nach getaner Ochsentour ins Lipperland verschlagen, etwas abseits der Verkehrsströme gelegen, dafür aber mit verträumter Landschaft gesegnet. Auch nicht schlecht. Grundstücke, um die Wohnträume von Daniela und den Kindern zu verwirklichen, hatte es genug und preiswert gegeben, kein Vergleich mit Oberbayern. Sein Architekt war einer der Schlüssel zum Wohlbefinden: er schaffte es, der Chefarztfamilie einen Hausbau zu er-möglichen, welcher genau die Waage zwischen Diskretion und Aufsehen hielt.
Renards Architekt kam aus Hamburg, verstand sofort und erbaute ihm einen gestylten Hangbau aus Beton und Glas; von außen nicht einsehbar, von innen mit allen Annehmlichkeiten wie Schwimmbad, Sauna und Fitnessraum gesegnet. Man muss doch zufrieden sein, dachte Renard. Selbst der nächste Golfplatz war innerhalb von zehn Minuten erreichbar. Die Kinder kamen in die Pubertät und fingen allmählich an zu knurren, weil sie ihren Heimatort als zu langweilig empfanden. Darüber machte sich Renard nun überhaupt keine Gedanken. In ein paar Jahren würden sie studieren. Dann würden sie sich ohnehin zerstreuen, in die deutschen Großstädte, vielleicht in das europäische Ausland oder in die USA. Ähnlich war es ihm ja selbst ergangen.

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