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Bücher & Medien im ImPrint Verlag

Cover ISBN 3-936536-73-2

Klaus Pollmann:

Die Kastelle des Drusus

328 Seiten, broschiert
Band 2 der Centurio-Saga
ISBN 978-3-936536-73-7
18.00 EURO

Leseprobe

LUVINIACUM,
PROVINZ BELGICA,
PAGUS UBIORUM

„Es ist nicht zu vergleichen mit einem Platz an der Tafel der Matronen, aber man kann hier leben und Kinder großziehen!“ Lucius schrak zusammen, als der Ubier neben ihn trat. Er war so versunken in seine Gedanken gewesen, dass er das Kommen des Ubiers gar nicht bemerkt hatte. Eine Szene wie aus Catos Buch über das Landleben, dachte Lucius. Der Hof, auf dem er übernachtet hatte, lag auf den Ausläufern der Arduenna Silva und das Land fiel zum Rhenus hin ab. Damit hatten sie einen wunderbaren Blick über Wälder und Felder, die in der Dämmerung nach und nach sichtbar wurden. Der Hof und das Dorf waren größer als die meisten, die Lucius bisher gesehen hatte, denn Haldavoo, so hieß der Ubier, war einer der Häuptlinge. Aber diese Stallhäuser, in denen Mensch und Tier zusammen wohnten und schliefen. Lucius schüttelte sich, bei dem Gedanken an den Gestank, in dem er heute Nacht geschlafen hatte. Da war noch das kleinste gallische Oppidum wohnlicher.

„Wie ist das Leben jenseits des Rhenus?“, fragte Lucius nachdem sie einige Herzschläge schweigend gestanden hatten.
„Ich kenne nur das Leben auf dieser Seite des Flusses!“, antwortete Haldavoo und zuckte mit den Schultern. „Aber nach den Erzählungen der Alten war es entbehrungsreich. Und das hat uns zu harten Kriegern gemacht!“ Ein wenig Stolz schwang in der Stimme mit.
„Möchtest du es kennenlernen?“, fragte Lucius neugierig, um zu erfahren wie die Germanen dachten. „Das Leben diesseits des Flusses ist angenehmer und bequemer, aber trotzdem seid ihr Römer nicht verweichlicht!“, sagte er mit spöttischem Blick auf Lucius. „Wie könntet ihr sonst ein Volk nach dem anderen unterwerfen?“
„Nicht alle von uns sind Krieger“, räumte Lucius ein. „Viele gehen anderen Beschäftigungen nach als Handwerker, Bauer, Arzt oder Priester!“
„Ein Ubier muss alles können!“ Klang da Bitterkeit in der Stimme mit? Es war doch eigentlich ein Grund, stolz zu sein. Daher sah Lucius ihn fragend an. „Reichtum bekommen wir nur durch Kampf, aber wenn ein Krieger in der Schlacht stirbt, fehlt ein Bauer oder Handwerker im Dorf! Und ein Vater oder Bruder oder Sohn! Ich habe gehört, ihr Soldaten dürft nicht heiraten?“
„Richtig!“
„Das bedeutet es bleibt niemand zurück, der nach eurem Tod versorgt werden muss. Weder Frau noch Kinder, die der Gemeinschaft zur Last fallen!“
Auch eine Sicht der Dinge, dachte Lucius. Viele Legionäre lehnten das Eheverbot ab, aber das war nicht der richtige Ort, um darüber zu sprechen. Es wurde Zeit, das Thema zu wechseln.
„Ist das der Weg zum Castrum?“ Lucius zeigte auf den Weg, dessen Verlauf sichtbar wurde.

Die Via Agrippa endete bei Luviniacum und zwei Straßen, bessere Trampelpfade, führten von dort aus weiter. Der Ubier deutete nach Osten, wo gegen den sich langsam aufhellenden Himmel eine Dunstglocke sichtbar wurde. „Siehst du da, wo die Felder enden? Da ist eine Siedlung!“ Sein Finger zeigte jetzt nach Norden und hielt in Richtung einer Ansammlung von Hütten an. „Daneben, auf dem Hügel, ist das Lager!“
Dies sollte das Lager sein? Der Hügel schien nicht besonders groß zu sein, denn das Legionslager quetschte sich da oben zusammen. Er schätzte die Entfernung ab. Heute Nachmittag sollte er dort sein.

Im Haus rührte sich etwas. Frau und Kinder seines Gastgebers standen auf und für Lucius wurde es Zeit, seinen Aufbruch vorzubereiten. Er ging zum Brunnen. Die Hunde vor der Tür beäugten ihn misstrauisch, blieben aber ruhig liegen, während er über den Hof schritt.
Lucius zog die Tunica über den Kopf und legte sie beiseite. Dann schöpfte er einen Eimer Wasser und wusch sich hastig mit dem kalten Wasser. Nach der Nacht in dem Stallhaus, fühlte er sich von Kopf bis Fuß schmutzig. Heute Abend würde er das Lager erreichen und hoffentlich wie ein zivilisierter Mensch ein warmes Bad nehmen können. Schließlich holte er tief Luft und hielt den Atem an, während er sich den Rest Wasser über den Kopf kippte. Aaaarrgghhh, bei Pluto, war das kalt. Er schüttelte sich und rieb sich hastig mit einem Lappen trocken. Er streifte rasch seine Leinen- und dann seine rote Wolltunica über und legte schließlich den Militärgürtel an.
Während er versuchte, nicht auf die Kälte zu achten, die ihm durch und durch ging, betrachtete er das merkwürdige Haus genauer. Lang gebaut, mit einem Schrägdach, das bis zum Boden reichte, hatte es nur Fenster an den Giebelseiten. „Fenster“ war sicher etwas übertrieben, für die Löcher, die eher Rauchabzüge waren. Drinnen war die eine Hälfte ein Stall für das Vieh im Winter und die andere Hälfte diente als Wohn- und Schlafraum, in dem auch gekocht wurde.
Barbaren, dachte Lucius und schüttelte sich. Die Ubier lebten bereits seit einer Generation diesseits des Rhenus und sollten doch gelernt haben, wie zivilisierte Menschen zu hausen. Aber es gab eben auch die, die wie sein Gastgeber dachten und hartnäckig nach der Sitte ihrer Väter lebten.
Nach einem kargen Frühstück, bei dem es nur eine Art Grütze gab, verabschiedete sich Lucius von seinen Gastgebern. Faustus belud das Maultier und dann folgten sie dem Weg zu seinem neuen Einsatzort, dem Castrum Ubiorum.

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