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Bücher & Medien im ImPrint Verlag

Cover ISBN 3-936536-63-5

Norbert Firle:

Im kühlen Grab
Roman

272 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-936536-63-8
14.80 EURO

Leseprobe

Merge Wolff, die Frau des Kirchendieners, traute ihren Augen nicht, als sie die Münzen am Fußboden liegen sah. Drei goldene Münzen lagen mitten im Flur auf dem Boden. Sie bückte sich und klaubte sie auf. Die konnten doch nur ihrem Gemahl verloren gegangen sein und sie fragte sich, wie er an die Goldmünzen gelangt war. Sicher, hin und wieder findet sich ein Goldstück in Gottes Kasten, aber gleich derer Drei davon und dazu noch am Boden liegend. Das kam ihr doch recht seltsam vor. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass ihr Mann sich in den letzten Tagen überhaupt recht merkwürdig verhalten hatte. Immerzu wich er ihren Fragen aus, ignorierte sie einfach, so als sei sie gar nicht vorhanden oder einfach Luft für ihn. Und in die Augen sah er ihr auch nicht. Ihre Frage nach der eigentümlichen Figur, die er restauriert hatte, ließ er ebenfalls unbeantwortet.
Sie betrachtete die Münzen genau und stellte sich dabei vor, was sie damit alles kaufen könnte. Es klopfte. Merge erschrak und schob die Münzen schnell unter die Tischdecke.
Sie ging zur Tür und öffnete. Niemand war da. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Vielleicht hatte sie sich getäuscht. Sie nahm die Münzen und ging hinüber zur Kirche, um sie ihrem Mann zu bringen. Caspar Wolff war heute Morgen früher als sonst in die Kirche gegangen. Merge dachte darüber nach, fand aber keine Erklärung dafür. Sie ging über den Kirchhof, und als sie die Tür am kleinen Chörlein öffnen wollte, hörte sie plötzlich die Glocke ein einziges Mal schlagen. Es klang so, als hätte sie einer jäh abgewürgt. Mit ein paar hurtigen Schritten durchquerte sie das Chörlein und sah sich in der Kirche nach Caspar um.
Sie erstarrte. Ein Aufschrei blieb ihr im Halse stecken. Sie stand wie gelähmt, den Mund weit geöffnet. Schwindel erfasste sie und sie kam ins Taumeln, als sie versuchte die Eingangstür zu erreichen. Dort hing Caspar am Glockenseil. Aufgehängt! An seinem Hemd steckte ein Zettel mit der Aufschrift: ›Schuldig‹. Merge fasste sich ein Herz, umklammerte Caspars Beine und versuchte seinen Körper, der sich noch ganz warm anfühlte, nach oben zu drücken. Doch jedes Mal, wenn die Kräfte sie verließen und sie den Leichnam loslassen musste, ertönte ein Glockenschlag. Sie ließ ihn sanft nach unten gleiten, um in der Sakristei ein Messer zu holen. Als sie wieder zitternd auf der Leiter stand, die auch Caspar benutzt hatte, entdeckte sie noch mehr der goldenen Münzen am Boden liegen. Ihn abzuschneiden war aber hoffnungslos. Das Messer war viel zu stumpf, da es lediglich dafür gedacht war, das übergetropfte Wachs der Kerzen abzukratzen.
Capplan Bartholomäus hörte die verunglückten, seltsamen Glockengeräusche und machte sich sogleich auf, um dem Missstand auf den Grund zu gehen. Er schlug ein Kreuz, als er sah, was sich in seiner Kirche abspielte.
»Was ist denn hier passiert?«, entfuhr es ihm, obzwar er beim ersten Blick gleich erkannt hatte, was geschehen war.
»Er ist heute Morgen schon früher als sonst in die Kirche und nun hat er sich aufgehängt«, sagte Merge unter Tränen. »Warum nur? Warum ist er schuldig? Woher kommt das viele Geld?« Üble Gedanken machten sich in Merges Kopf breit.
»Dafür ist jetzt keine Zeit, wir müssen ihn schnellstens abhängen, bevor die ersten Kirchenbesucher kommen. Außerdem«, fügte Bartholomäus sehr gefasst hinzu, »müssen gleich die Glocken geläutet werden.«
Beide machten sich nun gemeinsam ans Werk. Bestiegen die Leiter und zusammen gelang es ihnen, den Leichnam Caspar Wolffs vom Seil abzunehmen.
Als sie ihn vorsichtig auf den Boden betteten, fielen noch ein paar Münzen mehr aus den Taschen des Toten. Sie trugen ihn in die Sakristei und legten ihn behutsam in den sich dort befindlichen Sarg, in dem wie gewohnt die Toten während des Requiems in der Kirche aufgebahrt werden.
Merge war zornig auf die Mächte des Himmels. Sie ergriff hingegen einen Eimer und einen Lumpen, um den Boden, dort wo ihr Mann hing, zu reinigen. Bartholomäus hatte längst die goldenen Dukaten als auch ein paar römische Münzen aufgehoben, die an der Stelle umherlagen. Er staunte fürbass, als er beim Opferstock noch mehr der Münzen umherliegen sah. Sie waren aus dem überquellenden Gotteskasten mannigfaltig herausgefallen. Es waren die Gleichen, wie Anna eine auf ihrem Totenbett in der Hand gehalten.

Wie es zu der beiden Tod kam, habe ich, Johannes Jesser, hier in dieser Geschichte ausführlich uffgeschrieben. Zu ewger Gedächtnuß und zu aller Plaisier. Nicht nur Anna und der Küster hatten keinen natürlichen Heimgang. Es gab noch ein paar der Toten mehr. Ich schwöre bei allen Heiligen und bei meiner Ehre als Gerichtsschreiber, dass diese Geschichte rein der Wahrheit ist und ich nichts dazu erfunden habe. Aber nun eines nach dem andern, so wie es sich seiner Zeit zugetragen.

Mit aller Macht war wieder einmal ein langer, kalter und entbehrungsreicher Winter ins Land gegangen. Eis und Schnee wollten lange nicht dem Frühling weichen. Das Tauwetter wurde immer wieder von neuen Kälteeinbrüchen unterbrochen. Die Kargeswiesen an der Crufftel waren überschwemmt und zugefroren, sodass unsere Jugend die ganze Witz hinauf bis hin zum Untertor mit ihren Schlittschuhen fahren konnte. Der kurze Frühling schlug gleich in große Hitze um und man konnte den kommenden heißen Sommer jetzt schon spüren. Im letzten Jahr waren die Verhältnisse ähnlich. Viele unserer Weinstöcke hatten den Maifrost nicht überlebt und der Sommer, der die Süße des Weines hervorbringen sollte, ließ mit seiner Gluthitze die Trauben am Stock verdorren. So blieben die Weinschröter und auch so mancher Tagelöhner ohne Arbeit und ohne Brot. Die heißen Sommertage ließen große Teile der Ernte in den Gewitterfluten versinken. Das Obst vertrocknete an den Bäumen, noch bevor es reif zur Ernte war. Die Feldprozessionen, die wir verrichteten, hatten nicht geholfen. Keiner der Vierzehn Heiligen war uns wohl gesonnen oder erhörte unsere Gebete und der eine oder andere Nachbar hegte Zweifel an seinem Glauben. Es gab Anzeichen, dass sich manche in ihrer Not wieder den alten Göttern zuwandten. Das war ein vager Verdacht, den man bisher lediglich nur hinter verhohlener Hand vernehmen konnte. Die Gemeinde folgte immer wieder dem Pfarrer mit Kind und Kegel zum Obertor hinaus; durch den Obergarten über die Pfingstweide und den Clingen hinauf auf den Räuberberg. Dort wollte man mit lauretanischen Litaneien die Dämonen der Finsternis vertreiben, die schon seit Jahrhunderten, ja wenn nicht gar seit Jahrtausenden, dort oben ihr Teufelsspiel mit den Hofheimern trieben. Oh Maria hilf …!

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