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Bücher & Medien im ImPrint Verlag

Cover ISBN 3-936536-30-9

Hajo Bösch:

Der letzte Mond
Kurzgeschichten und Gedichte

299 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-936536-30-0
19.00 EURO

Leseprobe

Die Bürofliege
Eine groteske Kurzgeschichte

An einem nebelerfüllten Novembermorgen gegen sieben Uhr wachte Walter Meyer auf. Ein Wecker, der ihn auch an diesem Montagmorgen nicht im Stich ließ und das Aufstehkommando gab, daß Walter aus den schönsten Träumen riß, lärmte erbarmungslos bis er diesen schrillen Ton durch einen geübten Tastendruck abstellte. Als Mittvierziger war Meyer natürlich daran gewöhnt. Mit der Zeit bekam er einen geordneten Ablauf des Geschehens allmorgendlich zustande. So versäumte er niemals, nachdem er aufgestanden war und seine Pantoffeln gefunden hatte, einen ersten geordneten Blick aus dem Fenster in den Park hinter dem Haus zu werfen. Doch von der Parkanlage war an diesem Morgen so gut wie nichts zu sehen, da dichter Nebel die Morgenluft erfüllte. Alles was er sah, waren ein paar Umrisse von nahe stehenden Bäumen und Büschen. Jedenfalls glaubte Walter, sie zu sehen. Grau und kalt, nicht gerade einladend, sah es da draußen im Park aus.
Sein mißtrauisch prüfender Blick wanderte weiter in Richtung Spiegelschrank. Er fuhr sich mit seiner linken Hand durch seine Bartstoppeln am Kinn, während er mit der rechten Hand seine heruntergerutschte Schlafanzughose hochzog. Dann drehte er den Wasserhahn auf und bearbeitete mit einem nassen, kalten Waschlappen sein schläfriges Gesicht. Diese Aktion befähigte ihn, einen kritischen Blick in den Spiegel zu riskieren und zu entscheiden, ob eine Rasur nötig war. Es half nichts! So wollte er nicht ins Büro. Lustlos nahm er seinen elektrischen Rasierapparat zu Hilfe, um den auffälligen Bartstoppeln entgegenzuwirken.

Nach der gelungenen Rasur sprang Walter rasch unter die Dusche. Wie schön wäre es gewesen, wenn er noch mit Elvira verheiratet wäre. Sie hatte ihm stets das Frühstück bereitet, während er unter der Dusche stand. Doch Elvira hatte inzwischen gemerkt, daß es im Leben auch etwas anderes als Putzen, Kochen und Frühstückmachen gab und setzte vor einigen Monaten die Ehescheidung durch.

Es kam nicht selten vor, daß Walter diesen Tag der Scheidung verfluchte, denn er mußte sich sein Frühstück seither selbst zubereiten. Doch damit nicht genug! Putzen, Kochen, Abwaschen, Wäsche waschen und seine Hemden für das Büro bügeln war angesagt. Vor allem bereitete ihm das Bügeln große Schwierigkeiten.
Ein großes Badehandtuch umhüllte seinen nassen Körper, als er auf dem Weg zum Kleiderschrank war. Walter trocknete sich ab und warf das Handtuch auf einen Stuhl, der in der anderen Zimmerhälfte stand. Er wählte einen hellgrauen Anzug, ein weißes Oberhemd und Unterwäsche aus, um den bevorstehenden Arbeitstag wenigstens äußerlich als unumgängliche Tatsache anzuerkennen. Er wühlte in den Krawatten herum und fand eine darunter, die nach seiner Meinung farblich dazu paßte.

Anschließend ging Walter in die Küche und kochte sich einen Becher Kaffee. Er schmierte sich zwei Scheiben Feinbrot mit Käse zum sofortigen Verzehr und drei weitere Scheiben mit Käse und Aufschnitt für das Büro. Kaffee nahm er sich nie mit ins Büro, da es dort Gelegenheit zum Kaffeekochen gab. Dazu waren schließlich nach seiner Auffassung die Sekretärinnen da!

Er schlürfte seinen heißen Kaffee und schlang seine Käsebrote hinunter. Walter schaute auf seine Armbanduhr und trank seinen Kaffee noch wesentlich schneller, denn es blieb ihm nicht mehr viel Zeit, wenn er pünktlich ins Büro kommen wollte. Und das wollte Walter Meyer – um jeden Preis!

Er zog sein Jackett über, nahm seinen Regenschirm aus dem Ständer und verließ die Wohnung.

Walter zog seine Autoschlüssel aus der Jackentasche und nahm seine Aktentasche, die wie jeden Morgen auf dem Rücksitz lag. Er legte seine Butterbrote hinein und warf sie wieder nach hinten. Dann fuhr er los.

Die Straßen waren wie immer vollgestopft mit Autos. Die meisten AutofahrerInnen waren wie er unterwegs zur Arbeit. An diesem Morgen ging es besonders langsam voran, da der Nebel sich noch nicht aufgelöst hatte und auf den Berufsverkehr lastete. Erst nach ca. 35 Minuten erreichte Meyer seinen Arbeitsplatz. Gerade noch rechtzeitig und das war ihm wohl das Wichtigste.

Türen öffneten und schlossen sich und überall wo sich Menschen aufhielten wurde ein gleichgültiges „Guten Morgen“ ausgetauscht. Hier und da klingelten schon die Telefone.
Endlich hatte sich Meyer durchgekämpft und gelangte an seinen Schreibtisch. Es handelte sich um einen kleinen, recht gemütlichen Büroraum, in dem er mit zwei Kolleginnen arbeitete. Seine beiden Kolleginnen saßen bereits an ihren PCs und schrieben gleichgültig einige Briefe in „Word“. Die eine Kollegin war über 50 Jahre alt und kam vor einigen Jahren aus Niederbayern nach Hannover. Die andere war eine 25jährige Berlinerin und erst seit einigen Monaten in Hannover.

Das Erscheinen Walter Meyers veranlaßte die beiden Frauen nicht einmal dazu, ihr emsiges Schreiben auch nur kurz zu unterbrechen. Sie nahmen dem Anschein nach keine Notiz von ihm. Meyer nahm an seinem Schreibtisch platz. Vor ihm auf dem selbigen lagen zahlreiche Rechnungen, die er gründlich nachzuprüfen hatte. Gelegentlich übernahm er diese Aufgabe, obwohl sie nicht zu seinem Aufgabenbereich gehörte. Hin und wieder wurde er durch einige lästige Kundenanrufe unterbrochen. Dabei handelte es sich zumeist um Anfragen oder Reklamationen. Diesen Gesprächen war er zwar zweifelsohne gewachsen, doch widerten sie ihn an. Sie kamen ihm sinnlos und überflüssig vor. Er glaubte, daß die Kunden ihm seine kostbare Zeit stahlen. Walter blieb dann meist ruhig und wortkarg und war stets daran interessiert, die schwafelnden Kunden schnellstmöglich abzuwimmeln. Manchmal stellte er die Gespräche einfach zu einer Sachbearbeiterin durch, die dann der gleichen Situation ausgesetzt war und ihrerseits versuchte, das Bestmögliche daraus zu machen.

Langsam, aber sicher hatte sich Walter durch die Rechnungen gekämpft, als er sich zurücklehnte und seine müden Augen rieb. Dann blickte er hinaus auf die Straße. Er stand auf und öffnete das Fenster. Der Nebel hatte sich verzogen und auch die grauen Regenwolken. Die Sonne schien, wenngleich sie blaß und kraftlos wirkte.
Nun war es Zeit für eine Tasse Kaffee. Diese besorgte Meyer sich im benachbarten Büroraum.

Unbemerkt konnte in der Zwischenzeit eine Fliege in das Büro eindringen, in dem sich Walters Kolleginnen befanden. Der Berg an Post sollte an diesem Montag kein Ende finden.

Meyer hatte sich wieder an seinen Schreibtisch gesetzt und genoß seinen Kaffee. Die Fliege erkundete derweil ihre neue Umgebung. Etwas merkwürdig muß es ihr dort schon vorgekommen sein, denn sie flog aufgeregt hin und her. Vielleicht konnte sie sich aber auch nicht dazu entschließen, sich irgendwo niederzulassen.
Von den arbeitenden Menschen schien sie jedenfalls nicht beeindruckt gewesen zu sein. Ohne sie beachtet zu haben, flog sie weiter, kreuz und quer durch den Raum.

Die drei Angestellten hatten währenddessen genug damit zu tun, der lang ersehnten Mittagspause entgegenzuarbeiten. Die zierliche, junge Kollegin hatte ihren Postberg beinahe abgetragen, als es endlich soweit war. Mittagspause!

Walter Meyer blieb meistens an seinem Schreibtisch sitzen und aß seine Brote, während die beiden Frauen in die firmeneigene Kantine essen gingen. Meyer bevorzugte seine eigenen Brote und verabscheute das Kantinenessen.

Die Fliege kreiste weiterhin auf der Suche nach einem geeigneten Landeplatz in dem Büroraum umher. Durch irgendetwas wurde ihre Flugrichtung beeinflußt und sie änderte ihren Kurs in Richtung Meyer, genauer gesagt, in Richtung seiner Käsebrote. Sie kreiste um seinen Kopf und verlor jeglichen Respekt vor ihm. Die Landung auf einem seiner Käsebrote war geglückt, wenngleich dieser angenehme Aufenthalt nur von kurzer Dauer war, da Meyer den ungebetenen Gast längst bemerkt hatte. Seine rechte Hand jagte das kleine, hilflose Tier unermüdlich. Doch die Fliege war schneller und entging der Gefahr. Sie fand Zuflucht auf einem Aktenschrank hinter Meyers Rücken; es hätten jedoch die zahlreichen Blumentöpfe auf der Fensterbank einen geeigneteren Zufluchtsort abgegeben.

Dieser Büroraum war überhaupt recht gemütlich, schließlich handelte es sich ja um einen Arbeitsraum und nicht um ein Wohnzimmer einer Privatwohnung. Viele Blumentöpfe mit Pflanzen aller Gattungen verzierten das ansonsten so blasse Fenster. Kalender, die bunte Landschaften zeigten und einige Bilder hingen an den Wänden.
Ein kleines Bord war an einer Wand befestigt. Darauf standen ein komplettes Teeservice und einige Tüten mit verschiedenen Teesorten. Der Teekonsum stieg im Winterhalbjahr enorm an.

Es dauerte gar nicht lange und die flüchtende Fliege hatte die Fensterbank entdeckt. Sie versteckte sich unter einem Blatt einer Topfpflanze.

Zu schnell war dann die Mittagspause wieder vorbei und die beiden Frauen kamen laut kichernd wieder zurück. Walter hatte gerade den letzten Bissen seines letzten Käsebrotes im Mund, als das Telefon klingelte. Ein Kunde trug eine Reklamation vor und war mit der Auswahl des Tonfalls und seiner Worte nicht gerade wählerisch gewesen. Meyer hätte es wohl die Sprache verschlagen, wenn er nicht noch hastig auf seinem Brot herumgekaut hätte. Er hielt den Hörer etwas weiter von seinem Ohr entfernt und wartete geduldig bis der Kunde fertig war. Er stellte das Gespräch zu seinem Vorgesetzten durch, als der erregte Kunde eine Atempause einlegte und Meyer dazu Gelegenheit bekam.

Die Fliege hatte inzwischen ihre Neugierde halbwegs befriedigt und festgestellt, daß es dort oben auf dem Aktenschrank nichts Besonderes zu sehen oder zu essen gab. Sie verspürte Gelüste, sich nach einem interessanteren Ort umzusehen und flog davon in Richtung Fenster. Sahen die großen, klaren Fensterscheiben doch sehr vielversprechend aus. So sehr sie auch nach einem Ausgang suchte – es gab dem Anschein nach – keinen.

Walter Meyer arbeitete mit irgendwelchen Karteikarten und trug hin und wieder etwas darauf ein, bevor er sie wieder in den Karteikasten zurückbeförderte. Seine Kolleginnen schnatterten fast pausenlos über irgendwelche Familienangelegenheiten. Sie hatten den Großteil ihrer Arbeit erledigt und ließen sich nun etwas Zeit. Die junge, schlanke Berlinerin wühlte in ihrer Handtasche herum, bis sie einen Lippenstift herausnahm. Danach bemalte sie ihre schönen Lippen mit diesem knallig roten Stift und betrachtete ihr kreatives Meisterwerk in einem kleinen Taschenspiegel. Meyer rieb sich müde die Augen, die sich seinem Willen zu widersetzen drohten, indem sie einfach zuklappen wollten. Hoffnungsvoll blickte er zur Uhr und enttäuscht wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Noch zwei Stunden bis zum Feierabend und noch vier Tage bis zum nächsten Wochenende.

Die Fliege blieb von alledem unbeeindruckt und flog durch das Büro. Sie hatte wohl Hunger bekommen und noch nichts Eßbares gefunden.

Je näher Meyer dem Feierabend rückte, desto häufiger schaute er auf seine Armbanduhr. Das kosmetische Gerede seiner Kolleginnen ließ ihn nur noch müder werden.

Die Fliege war inzwischen noch mutiger geworden. Für sie begann der Kampf ums nackte Überleben. Entweder mußte sie verhungern oder sie würde erschlagen werden, also bestand doch nur, wenn sie sich der Menschenhand ausliefern würde, überhaupt eine Überlebenschance. Sie kreiste einmal mehr um Walters Kopf herum, in der Hoffnung etwas Eßbares zu erspähen.

Meyer hatte sich zurückgelehnt und rieb sich seine müden Augen. Auf seinem Schreibtisch lagen einige kleine Brotkrumen und Käsestückchen herum, die von Menschenaugen nicht beachtet wurden. Für die hungrige Fliege waren diese jedoch von größter Bedeutung. Also setzte sie zur Landung an. Langsam und vorsichtig pirschte sie sich an die Brot- und Käsereste heran. Dann wechselten ein paar Essensreste ihren Besitzer und die Fliege zog sich zufrieden zurück. Für diesen Tag war ihr Essen gesichert.

Meyers Kolleginnen stritten sich darum, wer von ihnen in dieser Woche mit dem Blumengießen dran war. Die junge Berlinerin stand auf und begab sich zur Fensterbank. Am liebsten hätte sie wohl die Pflanzen aus dem Fenster geschmissen, aber es half nichts. Schließlich waren auch ihre eigenen darunter. Die arme Fliege hatte sich unter einem Kaktus versteckt und wurde durch die junge Frau beim Verzehren eines Käsestückchens gestört. Panikartig ergriff sie die Flucht.

In der letzten halben Stunde dieses Büroarbeitstages ereignete sich nicht mehr viel. Meyer starrte gelangweilt aus dem Fenster und seine Kolleginnen strickten an Pullovern. Es sah beinahe so aus, als ob sie um die Wette handarbeiteten. Auf der linken Seite wuchs ein rosa Pullover für die hübsche Berlinerin und auf der rechten Seite ein weißer für ihre ältere Kollegin.

Endlich war es soweit. Feierabend! Meyer packte seine sieben Sachen und verließ das Büro. Er durchwühlte sämtliche Jacken- und Hosentaschen, denn er fand seine Autoschlüssel nicht. Aha! Dort lagen sie ja. Und zwar vor ihm auf seinem Schreibtisch. Doch da war noch etwas! Es krabbelte vorsichtig in Deckung. Es war die Fliege, die sich erneut gestört fühlte. Meyer schlug mit der rechten Hand nach ihr, erwischte sie aber nicht und nahm die Autoschlüssel an sich. Irgendwie schien ihm die hilflose Fliege plötzlich Leid zu tun. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und beobachtete aufmerksam die Fliege. Das Insekt krabbelte und hüpfte vor ihm her. Walter suchte nach Brotkrumen und schob einige davon dicht zusammen. Er überlegte angestrengt, was er vielleicht sonst noch für die kleine Fliege hätte tun können. Ihm fiel ein, daß Fliegen auch Wasser zum Überleben brauchen. Doch worin sollte er ihr das Wasser geben? Er dachte nach. Auf dem Schreibtisch seiner niederbayerischen Kollegin entdeckte er einen Fingerhut. Er füllte diesen mit Wasser und versteckte ihn zwischen zwei Blumentöpfen am hinteren Schreibtischrand. Mit der rechten Handkante schob er die gesammelten Brotkrumen in seine linke Hand und beförderte sie zur Fensterbank. Er plazierte sie direkt neben dem mit Wasser gefüllten Fingerhut. Dann betrachtete er voller Stolz sein Werk und lächelte. Doch nun wurde es Zeit für ein anständiges Abendessen.

Da es schon ziemlich spät geworden war und Walter keine Lust mehr hatte, sich etwas zu kochen, fuhr er in ein vornehmes Restaurant mit der Welt feinster Spezialitäten. Kurzum, zu einem vorzüglichen Essen gehört auch ein dem Essen entsprechender Preis. Gesättigt und sehr zufrieden fuhr Walter Meyer anschließend nach Hause.

Am nächsten Morgen begann der Tag mit den etwa gleichen Zeremonien wie tags zuvor auch. Diese seltsame Beziehung zu dieser Fliege hielt an und dehnte sich bedrohlich aus. Sogar sein Vorgesetzter wunderte sich über Walters arbeitsfremde Aktivitäten, wenngleich er nicht reagierte.


Als Walter dann einige Tage später, es war ein Freitag, am späten Abend in seinem Bett lag, mußte er an die Fliege im Büro denken. Es schien seine größte Sorge zu sein, wie das Tier das Wochenende ohne seine Hilfe überleben könnte. So ein Wochenende bekam plötzlich eine ganz andere Dimension. Bislang kamen die Wochenenden ihm recht kurz vor.

Am Sonntagmorgen war die Fliege tatsächlich aus seinen Gedanken verschwunden.

Am Nachmittag ruderte Walter in einem gemieteten Boot über einen stillen See. Er liebte es, auch an kühlen Tagen, auf diesem See zu rudern. Walter blieb nicht allzu lange dort, denn die schwachen Strahlen der Nachmittagssonne ließen spürbar nach und es wurde unangenehm kühl. Er ruderte an den Landesteg ans östliche Seeufer. Es wurde langsam dunkel und ein frischer Herbstwind kam auf.

Es half nichts, als am frühen Morgen sein Wecker klingelte und den Tag einläutete, war es wieder Montag. Walter zog seinen Anzug an und beeilte sich, um zeitig im Büro sein zu können. Als Walter unterwegs war und eine rote Ampel ihn zum Halten zwang, fiel ihm die Fliege im Büro wieder ein.
Endlich erreichte er seinen Arbeitsplatz. Er begrüßte seine Kolleginnen mürrisch und ging zum Fenster. Dort sah er den mit Wasser gefüllten Fingerhut und einige winzige Brotkrümelchen. Er wandte seinen Blick seinem Schreibtisch zu. Vor ihm lagen schon die ersten Briefe, die er zu bearbeiten hatte. Wo war die Fliege abgeblieben? Walter konnte sie nirgends entdecken. Widerwillig setzte er sich und öffnete den ersten Brief, während seine beiden Kolleginnen schnatterten wie zwei aufgebrachte Wildgänse. Eigentlich hatte Walter keine Lust, sich auf die anfallenden Arbeiten zu stürzen. Doch was blieb ihm anderes übrig?

Plötzlich summte es um seinen Kopf herum. Die abhandengekommene Fliege umkreiste ihn. Walter schien hocherfreut zu sein, daß die Fliege wieder aufgetaucht war.

Als die beiden Frauen zur Frühstückspause in die Kantine gegangen waren, wandte sich Walter der Fliege zu. Er hatte sich mit dieser Fliege angefreundet, so glaubte er jedenfalls. Nicht etwa weil die Fliege besonders schön war, nein, er wußte selbst nicht warum. Er füllte den Fingerhut mit frischem Wasser und überließ dem Tier die Reste seines Brotes. Walter fühlte sich tatsächlich für ihr Wohlergehen verantwortlich. Er vergaß jedoch des öfteren den Hauptgrund seines Erscheinens im Büro.

Irgendwie und irgendwann, die Wochen verstrichen schnell und zumindest für Walter Meyer sorglos, wurde er zu seinem Chef bestellt. Verwundert machte er sich auf den Weg zum Chefzimmer. „Was der wohl von mir will?“ dachte er und klopfte an die Tür. Eine brummige, tiefe Stimme gewährte ihm Eintritt. Der weißhaarige, ältere Mann verwies Walter auf einen bequemen Sessel, der dem noch bequemeren Chefsessel gegenüberstand. Walter setzte sich beinahe geräuschlos. Er dachte schon an seine Beförderung, die ihm ja ohnehin längst zugestanden hatte. Walter wurde schnell und sachlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt. Sein Vorgesetzter begann seine Klagen hervorzubringen. Die Rede war von Arbeitsvernachlässigungen und arbeitsfremden Verhaltensweisen, was auch immer darunter zu verstehen war. Meyer saß stumm da und begann zu schwitzen. Langsam beruhigte sich sein Chef wieder, vergaß jedoch nicht, dem armen Walter eine fristgerechte Kündigung auszuhändigen, die natürlich längst fertiggestellt war.

Niedergeschlagen und fast geräuschlos schlich Walter zurück an seinen Arbeitsplatz. Es hätte keinen Sinn gehabt, seinem Chef alles zu erklären, dachte er enttäuscht.

Seine Kolleginnen bemerkten ihn nicht, wie er so deprimiert dasaß. Es kam eine Wut in ihm hoch, wie er sie selbst nicht von sich kannte.

In diesem Augenblick flog die Fliege heran und setzte sich vor ihm auf den Schreibtisch. Das hätte sie besser nicht tun sollen, denn der verzweifelte Walter war dermaßen wütend, daß er, ohne mit der Wimper zu zucken, seine rechte Hand erhob und sein Ziel nicht verfehlte. Durch den Krach, den seine auf den Schreibtisch niedersausende Hand verursachte, wurden seine beiden Kolleginnen wie zwei Turteltauben aufgeschreckt. Sie starrten ihn verwundert an. Doch Meyer merkte es gar nicht. Er blickte unentwegt auf sein besiegtes Opfer, das an seiner rechten Hand klebte.

Walter faßte sich und stand auf. Er verließ das Büro, wusch sich in der Herrentoilette seine Hände, so als ob die schrecklichen Ereignisse des Tages nun von ihm weggewaschen und ins Nichts davongetragen wurden. Doch dem war ganz und gar nicht so. Im Gegenteil!

Walter Meyer erschien am nächsten Tag nicht mehr zur Arbeit. Er hatte Glück und recht schnell einen anderen Job gefunden. Er vermied seither jeden Kontakt zu Fliegen.

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